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SAP Commerce Cloud, ERP Edition: Was die neue KMU-Variante wirklich verändert
Insights · ·9 Min. Lesezeit

SAP Commerce Cloud, ERP Edition: Was die neue KMU-Variante wirklich verändert

Dario Pedol

Dario Pedol

CEO Spadoom AG & Sprecher DSAG AG CX Schweiz

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SAP hat an der Sapphire-Eröffnung in Orlando diese Woche etwas auf den Tisch gelegt, worauf der Mittelstand seit Jahren wartet: eine Commerce-Cloud-Variante, die ohne Enterprise-Budget einführbar ist. Sie heisst SAP Commerce Cloud, ERP Edition, und die Konturen sind interessanter, als die Schlagzeile vermuten lässt.

Ich schreibe das mit zwei Hüten. Als CEO von Spadoom sind wir einer der ersten Pilot-Partner, die die neue Edition umsetzen. Als Sprecher der DSAG-Arbeitsgruppe Customer Experience Schweiz sitze ich nahe an der Diskussion zwischen SAP und Anwendern, die in den letzten zwei Jahren genau diese Frage gestellt haben. Beide Perspektiven sagen das Gleiche: Das ist die erste glaubwürdige SAP-Antwort für B2B-Commerce im Mittelstand auf Cloud-ERP — und sie verdient eine ernsthafte Betrachtung.

Kurzfassung: SAP Commerce Cloud, ERP Edition ist eine schlanke B2B-Commerce-Schicht, die unsichtbar hinter der S/4HANA-Public-Cloud-Oberfläche läuft. Anwender arbeiten in ERP-eigenen Bildschirmen, Commerce-Daten liegen in SAP Business Data Cloud und Customer Data Cloud, Joule ist eingebaut, SAP nennt 90 Tage Einführungszeit. Public Cloud wurde an der Sapphire Orlando angekündigt (Mai 2026), Private Cloud folgt Ende 2026. Die DSAG hat berechtigte offene Punkte zur BDC/CDC-Migration und zur Private-Cloud-Auslieferung benannt — wir teilen die Sicht und haben für ähnliche Lücken in der Vergangenheit eigene Lösungen gebaut. Als Pilot-Partner wissen wir bereits, welche Teile der Story unter Projektbedingungen halten.

Die Fakten auf einen Blick

  • Produkt: SAP Commerce Cloud, ERP Edition
  • Zielgruppe: kleine und mittlere B2B-Unternehmen auf SAP S/4HANA Public Cloud
  • Architektur: eingebaut in S/4HANA — keine separate Commerce-Storefront
  • Stammdaten: SAP Business Data Cloud + Customer Data Cloud, SAP-seitig gemanagt
  • KI: SAP Joule eingebaut
  • Einführungsziel: 90 Tage
  • Public Cloud GA: angekündigt an der SAP Sapphire Orlando, Mai 2026
  • Private Cloud GA: geplant für Ende 2026
  • Pilot-Partner: Spadoom gehört zu den ersten

Was an der Sapphire Orlando konkret angekündigt wurde

Räumen wir das Bühnen-Glitzer weg, bleibt die Substanz kurz. SAP hat eine neue Edition der Commerce Cloud vorgestellt, die sich an kleine und mittlere B2B-Unternehmen richtet, die S/4HANA Public Cloud nutzen. Die Public-Cloud-Variante wurde an der Sapphire 2026 vorgestellt, das Private-Cloud-Ziel liegt bei Ende 2026.

Technisch ist das eine andere Architekturentscheidung als bei der klassischen Commerce Cloud. Commerce wird zur Backend-Schicht und nicht zu einem eigenständigen Frontend-Produkt. Anwender melden sich nicht an einer separaten Commerce-Konsole an — sie öffnen S/4HANA und sehen Auftragseingang, Katalogzugriff, Verträge, Rechnungen und Service-Tickets als ERP-eigene Bildschirme. SAP übernimmt das Datenrouting über die SAP Business Data Cloud (Stammdaten) und die Customer Data Cloud (Identität, Consent, Segmentierung), und Joule sitzt quer über dem Stack für die KI-gestützten Aufgaben.

Die DSAG-impulsant-Aufarbeitung trifft die Architektur-Absicht gut — der vollständige Beitrag auf DSAG impulsant ist die Lektüre wert, wenn Sie die Anwender-Sicht im Detail wollen.

Die ehrliche Antwort auf eine alte Frage

Dem Mittelstand wurde seit Jahren gesagt, dass es zwei reale B2B-Commerce-Optionen auf SAP-Seite gibt: die volle Commerce Cloud nehmen und Enterprise-Scope und -Budget akzeptieren, oder nichts SAP-Eigenes nehmen und einen Drittanbieter-Shop über Middleware an S/4HANA hängen.

Beide Antworten waren nicht gut. Die volle Commerce Cloud ist hervorragend in dem, was sie tut — wir haben sie für Franke und globale Distributoren ausgeliefert, und sie bleibt die stärkste Enterprise-B2B-Plattform am Markt. Aber für ein Schweizer Industrie-KMU mit CHF 50 Mio. B2B-Umsatz war die Plattform zu viel. Die Middleware-Route hat technisch funktioniert, hat aber genau die Integrationsstory gekostet, die den Käufer ursprünglich zu SAP gezogen hatte.

Die ERP Edition ist die Antwort, die eigentlich schon länger auf dem Tisch hätte liegen müssen. Commerce-Funktionalität dort, wo das ERP ohnehin schon lebt, und SAP trägt die Integrationslast statt der Kunde.

Wie die ERP Edition in der Praxis funktioniert

Drei Dinge sind anders als bei der klassischen Commerce Cloud, und sie prägen alles Weitere.

Commerce ist unsichtbar. Es gibt kein separates Storefront-Framework, kein Composable-Storefront-Projekt, kein Spartacus-Repository, das gepflegt werden müsste. Die Oberfläche für den Endanwender ist die S/4HANA-UI, erweitert um commerce-eigene Bildschirme für Bestellabwicklung, Vertrags- und Rechnungseinsicht und B2B-Self-Service. Projektsicht: Damit fällt der grösste Kostentreiber einer klassischen Commerce-Cloud-Einführung — der Frontend-Bau — auf null.

Stammdaten fliessen über BDC und CDC. Die SAP Business Data Cloud kümmert sich um Produkt-, Preis- und auftragsbezogene Stammdaten-Synchronisation. Die SAP Customer Data Cloud kümmert sich um Identität, Consent und Segmentierung. Der Kunde integriert Commerce nicht mehr mit ERP — SAP integriert beides per Design. Das ist aus meiner Sicht der sauberste Teil der Architektur, und Thomas Henzler aus dem DSAG-Vorstand bezeichnet den Integrationsansatz über BDC-Datenprodukte als «neuartig und im Ansatz grundsolide» — das ist aus meiner Sicht die richtige Einordnung.

Joule ist standardmässig dabei. Business AI ist in die neuen Bildschirme eingebaut, nicht nachträglich aufgesetzt. Für die Auftragserfassung und die Service-Portal-Flows, die im B2B-Mittelstand zählen, ist die KI-Unterstützung tatsächlich nützlich — Bestellzeilen-Vorschläge, Klausel-Suche in Verträgen, Ticket-Triage. Kein separates Produkt mehr zum Lizenzieren.

Die 90 Tage Einführungszeit ergeben in diesem Kontext Sinn. Wer keine Storefront baut, keine Integrationsschicht baut und keine separate Identity-Plattform aufstellt, dem bleibt am Ende Konfiguration und Anwender-Akzeptanz.

Klassische SAP Commerce Cloud vs ERP Edition

DimensionKlassische Commerce CloudERP Edition
ArchitekturEigenständige PlattformEingebaut in S/4HANA Public Cloud
Anwender-OberflächeComposable Storefront (Spartacus)ERP-eigene Bildschirme — keine separate Storefront
Integration zum ERPKundenprojekt (Wochen bis Monate)SAP-seitig über BDC + CDC
KIJoule als Add-onJoule eingebaut
Einführungsziel6–12 Monate90 Tage
Frontend-Bau-KostenErheblichNull
Katalog-SkalierungMillionen von SKUsTausende von SKUs
Passt zuEnterprise B2B/B2C, Multi-StorefrontMittelstand B2B auf S/4HANA Public Cloud
LizenzVeröffentlichte GMV-/Traffic-Stufen (EUR 150K–500K+)Noch nicht öffentlich — KMU-Budget-tauglich

Für den Direktvergleich mit Shopify Plus für KMU siehe SAP Commerce Cloud, ERP Edition vs Shopify Plus.

Was sich für Käufer ändert

Drei Dinge ändern sich auf eine Weise, die in Kaufentscheidungen spürbar wird.

Die Wirtschaftlichkeit stimmt. Wenn Storefront-Bau und Integrationsprojekt entfallen, ändert sich das Kostenprofil grundlegend. Wir können noch keine Endpreise teilen — SAP wird die näher an der allgemeinen Verfügbarkeit publizieren —, aber die Kostenform des Projekts passt jetzt zu Mittelstands-Budgets, nicht nur zu Enterprise-Budgets.

Time-to-Value liegt in Wochen, nicht Quartalen. Ein 90-Tage-Ziel heisst: Wer dieses Quartal entscheidet, kann dieses Jahr produktiv gehen. Das ist eine echte Verschiebung. Die klassische SAP-Commerce-Cloud-Antwort für denselben Scope wäre minimal 6 bis 9 Monate gewesen.

Die Kaufentscheidung wandert die Stack-Ebene hoch. Wenn Commerce ein Feature des ERP statt eine separate Plattform ist, wandert das Gespräch aus dem CIO/Digital-Team-Silo zurück zur operativen und kaufmännischen Führung, wo solche Entscheidungen in KMU-Organisationen tatsächlich getroffen werden. Das ist gesund.

Wo SAP noch liefern muss — und wo wir einspringen

Hier möchte ich präzise sein, weil Ehrlichkeit mehr zählt als Hochglanz und die DSAG die richtigen Fragen bereits gestellt hat.

Der erste offene Punkt ist die Migration bestehender SAP-CDC- und BDC-Kunden. Wer diese Plattformen bereits in einer Nicht-ERP-Edition-Konstellation einsetzt — wie sieht der Weg vorwärts aus? Die Absicht ist signalisiert, aber das öffentliche Migrations-Playbook ist noch nicht da. Wir verfolgen das direkt über die DSAG-Arbeitsgruppe.

Der zweite ist die Private-Cloud-Auslieferung Ende 2026. Die Public-Cloud-Variante kommt zur Sapphire — die Private-Cloud-Variante ist für Ende dieses Jahres zugesagt. Für den Schweizer und DACH-Mittelstand zählt das: Ein nennenswerter Anteil der relevanten Kundschaft wird die Private-Cloud-Option wollen. Die Roadmap stimmt, aber die Auslieferung muss pünktlich landen. Mehr wissen wir in der zweiten Jahreshälfte.

Das sind reale Punkte und sie gehören offen benannt. Es sind aber auch genau die Lücken, die Spadoom bei früheren SAP-Launches gefüllt hat — über eigene Extensions, Übergangs-Integrationsmuster und eigenes Tooling dort, wo der erste SAP-Release noch zu wenig abdeckt. Wir werden hier dasselbe tun, wenn es nötig wird. Unser Job als Partner ist nicht, auf Perfektion bei SAP zu warten — es ist, für unsere Kunden Ergebnisse zu liefern, unabhängig davon.

Was wir aus dem Piloten gelernt haben

Wir setzen das erste Pilotprojekt zur SAP Commerce Cloud, ERP Edition bei einem Schweizer Industrie-KMU um. Die Lessons kann ich teilen, auch wenn wir den Kunden noch nicht namentlich nennen.

Konfigurations-Disziplin zählt mehr als Custom-Code. Wenn keine Storefront zu bauen und keine Integrationsschicht zu designen ist, gelingt oder scheitert das Projekt an der Disziplin im Scope. Das 90-Tage-Ziel ist real, verlangt aber, dass der Kunde Standardprozesse für Dinge akzeptiert, die er früher individualisiert hat. Diese Gesprächsführung ist die neue Projektmanagement-Disziplin für dieses Produkt.

Joule will konfiguriert werden, nicht angenommen. Die KI-Unterstützung ist enthalten, aber Prompts und Grounding brauchen Konfiguration, damit branchen-spezifisch nützliche Antworten kommen. Wir haben spürbar Pilotzeit dort investiert. Es hat sich gelohnt.

Das ERP-Team wird zum Commerce-Team. Weil die Commerce-Bildschirme in S/4HANA leben, gehören sie nach dem Go-Live den ERP-Power-Usern und nicht einem separaten Digital-Team. Strukturell gesünder für KMU, verlangt aber organisatorische Klärung im Voraus.

Roadmap-Disziplin zählt. Einige Funktionen der vollen Commerce Cloud sind in der ERP Edition (noch) nicht enthalten. Zu wissen, welche kommen, welche aus dem Scope fallen und welche wir selbst ergänzen können, ist der Unterschied zwischen sauberem Go-Live und stehengebliebenem Projekt. Genau hier zahlt sich Partner-Erfahrung aus.

Für wen die ERP Edition passt

Keine pauschale Antwort. Die ERP Edition passt, wenn:

  • Sie B2B verkaufen, nicht an Endkunden
  • Sie S/4HANA Public Cloud nutzen oder in Migration sind
  • Ihr Katalog überschaubar ist — Tausende SKUs, nicht Hunderttausende
  • Sie wollen, dass Commerce sich wie eine Erweiterung des ERP anfühlt, nicht wie eine zweite Plattform
  • Sie ein standardisiertes Prozessmodell akzeptieren können, im Tausch gegen Tempo

Wer Multi-Storefront, Multi-Brand B2C, komplexe Marktplatz-Logik oder Millionen SKUs mit tiefem Merchandising braucht — bleiben Sie bei der vollen SAP Commerce Cloud. Die ERP Edition will sie nicht ablösen. Sie öffnet das Segment darunter, für das die volle Edition nie die richtige Form hatte.

Was als Nächstes kommt

Zwei kurzfristige Termine zählen.

SAP Sapphire Madrid, 19.–21. Mai 2026. Das europäische Kapitel der Sapphire-Ankündigung findet im IFEMA Madrid statt. Pascal Strnad, unser Chief Revenue Officer, ist vor Ort. Wenn Sie diskutieren möchten, ob die ERP Edition für Ihr Unternehmen passt — oder ob Ihre S/4HANA-Public-Cloud-Reise jetzt Commerce mit einbeziehen sollte —, ist diese Woche ein guter Einstieg. Gespräch vereinbaren.

Swiss Customer Relations Forum, 21. Mai 2026, Zürich. In derselben Woche bin ich aus DSAG-CX-Sicht im Kongresshaus Zürich und ordne ein, was die Ankündigung für den Schweizer Mittelstand bedeutet. Wenn Madrid nicht Ihre Reise ist, Sie aber in CH/DE/AT sitzen, ist das die näher gelegene Bühne, um Notizen abzugleichen.

Die Private-Cloud-Variante landet gegen Jahresende. Konkretere Preise, das Migrations-Playbook für bestehende CDC/BDC-Kunden und die ersten öffentlich genannten Pilot-Geschichten werden zwischen jetzt und dann erscheinen. Wir halten diesen Blog aktuell, sobald sich das Bild schärft. Wenn Ihr Team B2B-Commerce-Optionen für den Mittelstand evaluiert, sind die nächsten sechs Monate ein gutes Zeitfenster, früh dabei zu sein.

Für den gesamten Kontext zum SAP-Commerce-Cloud-Portfolio — Preise, Architekturentscheidungen, wo die klassische Edition zu B2B passt — siehe unseren SAP Commerce Cloud Preise & TCO-Leitfaden und die E-Commerce-Lösungsübersicht.

Quellen und weiterführende Lektüre

SAP Commerce CloudSAP S/4HANA Public CloudMittelstandB2B CommerceDSAGSapphire 2026
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